Rezension Folker 4/13

(Übernahme mit freundlicher Genehmigung des Folker!)

HELMUT GOTSCHY

Der geschenkte Traum :
Roman.

Bad Schussenried : Hess, 2013  376 S.
ISBN 978-3-87336-417-2

Als Student gescheitert, wird Wilhelm Meerbusch, Held der Geschichte, zunächst zum Gitarrenbauer, ehe er die Drehleier für sich entdeckt, aus Süddeutschland nach Berlin zieht und dort seine erste Drehleierwerkstatt eröffnet, später eine Midi-Drehleier entwickelt und gar für Ritchie Blackmore Instrumente baut. Klingt bekannt? Na sicher, denn der zweite Roman von Helmut Gotschy (nach Papaya mit Rosinen und einem Band mit Kurzgeschichten) ist ein autobiografischer Roman, in dem der Autor mehr oder weniger sein eigenes Leben beschreibt, das so, wie er es mit seiner Behinderung als Folge einer Polio-Erkrankung gelebt hat, eigentlich eher nicht möglich gewesen wäre. Doch mit eisernem Willen und Selbstdisziplin hat es der Autor – wie auch sein Alter Ego im Roman – geschafft, zu einem renommierten Drehleierbauer zu werden. Er schildert seinen Weg in zupackender, kraftvoller Prosa, mit eigenwilligem Sprachgebrauch, an den man sich zunächst genauso gewöhnen wie auf die abrupten Zeit- und Schauplatzwechsel einlassen muss. Belohnt wird man dann mit einem höchst kurzweiligen Schlüsselroman, und Eingeweihte werden natürlich sofort wissen, wer mit „der Frankfurter“ oder „der Wiener“ gemeint ist, werden sich an das präzise geschilderte Milieu in Saint-Chartier oder im Rudolstadt der frühen Jahre erinnern und durchaus nostalgisch auf die ein oder andere Folk- oder Bordunband aus jener Zeit besinnen, als die CDs noch groß und aus Vinyl waren und der Folker noch A5-klein und Folk-Michel hieß. So ganz klar wird in der Geschichte nie, wo Fakt aufhört und Fiktion beginnt, aber das macht auch einen guten Teil des Reizes aus. Einem geschenkten Traum schaut man eben nicht hinter den Schaum.

Ulrich Joosten

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Datum: Dienstag, 16. Juli 2013 8:07
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