Storch: Leseprobe
STORCH
Dass Jochen mit sechzehn zur Schule ging und nur noch Augen für Mädchen hatte, war normal für einen Jungen in seinem Alter. Nicht normal war, dass die Mädchen von ihm nichts wissen wollten. Und das machte Jochen schwer zu schaffen, besonders, da er sich seit seinem zehnten Lebensjahr immer wieder verliebt hatte.
Vielleicht lag es an Jochens Akne. Eines Morgens fand er sein Gesicht mit roten Punkten übersät, und egal was er machte, ob er sich mit Spezialseife wusch, Essigeinreibungen vornahm oder pfundweise Salben draufschmierte, sein Gesicht blieb eine Landschaft aus unzähligen Feuerbergen. Und weit und breit kein Bartwuchs, der sie hätte verdecken können.
Vielleicht lag es aber auch einfach daran, dass Jochen sich deswegen schämte, und er sich nur einbildete, dass es daran läge.
Vor einiger Zeit hatte sich Jochen in Moni verliebt, ein Mädchen aus der Parallelklasse, die immer mit Kuni und Bine rumhing. Ein Kleeblatt, das in den Pausen in der Raucherecke stand und sich bewundern ließ. Moni war die Auffallendste von allen. Mit ihrem kurzen, knallengen Mini, den flauschigen Pullis und den polangen schwarzen Haaren wirkte sie auf Jochen wie ein Wesen von einem anderen Stern. Außerdem waren ihre Augenlider schwarz und ihre Lippen dunkelrot geschminkt. Jochen bekam jedes Mal Herzklopfen, wenn er sie sah. Einmal hatte er den Mut und suchte ihre Nähe. Er schlenderte wie beiläufig mit kurzen Pausen auf sie zu und sprach sie an, fragte dann so dummes Zeug, ob sie in Erdkunde auch schon England dranhätten oder ob sie die neue Platte von den Stones schon kenne. Dabei bekam er rote Ohren und geriet beim Reden ins Stocken. Moni wandte sich ihren Freundinnen zu, sie steckten die Köpfe zusammen, tuschelten und Jochen bekam ein paar mitleidige Blicke zugeworfen. Trotzdem träumte Jochen weiter von Moni, besonders, wenn er nachts allein im Bett lag. Er drückte das Kissen an sich und stellte sich dabei vor, wie es wäre, sie zu küssen. Jochen hatte noch nie ein Mädchen geküsst.
Seit ein paar Monaten hatte Jochen ein eigenes Zimmer. Endlich war die Kammer außerhalb der Wohnung frei geworden und Jochen hatte darauf bestanden, dort einziehen zu dürfen. Viel Miete brachte der Raum sowieso nicht, da er nur vier mal zweieinviertel Meter groß war. Gerade genug Platz für Bett und Schrank, einen alten Schreibtisch und die große Gitarrenbox, die Jochen selbst gebaut hatte. Er spielte E-Gitarre und übte jeden Tag komplizierte Läufe, damit er endlich in der Schulband mitspielen konnte. Die Box war beinahe einen Meter hoch und mit schwarzem Kunstleder überzogen. In die Seiten waren rechteckige Löcher gesägt, in die eigentlich Griffe eingebaut werden sollten, dies aber hielt Jochen, nachdem die Box spielte, nicht mehr für nötig.
Die Zeit vor dem Umzug war für Jochen die Hölle. Drei Jahre musste er im elterlichen Bett die Seite seines Vaters einnehmen, nachdem dieser ausgezogen war. Die letzten Monate waren unerträglich. Allein die Atemgeräusche seiner Mutter trieben ihn zur äußersten Bettkante und an den Rand des Wahnsinns. Noch schlimmer waren der Geruch ihrer Nachtcreme und die suchenden Finger, die seine Hand halten wollten.
Jochen hatte auch einen Storch. Den hatte er auf der Kirmes an einem Dosenwurfstand gewonnen. Er maß etwa fünfzehn Zentimeter, hatte rote Beine, einen schwarz-weißen Körper und einen riesig langen Schnabel. Das Besondere an diesem Storch war, dass man ihn bewegen konnte. Das Innere des weichen Kunststoffes barg Drähte und er konnte den Storch in jede Stellung bringen. Spagat, Schneidersitz, Zwirbelbeine, Schnabel nach hinten, oder, wenn Jochen Geduld hatte, konnte er ihn sogar auf einem Fuß stehen lassen. Er sah dann aus wie ein richtiger Storch. Das ideale Spielzeug, wenn Jochen mit einer Mathegleichung nicht weiterkam oder er keinen Nerv mehr hatte, unregelmäßige Vokabeln zu lernen. Oder wenn er einfach vor sich hin träumte, Musik hörte und an Moni dachte. Und deswegen stand oder lag der Storch immer auf Jochens Schreibtisch.
Eines Nachts, als Jochen wieder im Bett von Moni träumte, überlegte er, ob er einmal einen ihrer Zigarettenstummel aufheben sollte. An ihnen fanden sich Spuren ihres Lippenstiftes und Jochen hätte dann etwas von ihr gehabt. Mit einem Mal fing sein Herz heftig an zu pochen. Plötzlich fiel ihm Josef ein, den er auf einer katholischen Jugendfreizeit kennen gelernt hatte …
