Der Autor
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Über Helmut Gotschy

Meine Wiege stand in Neu-Ulm, wo ich auch zur Schule ging. Dann, in der zweiten Klasse mit acht, Berlin wurde gerade von einer Mauer geteilt, trat ein Riss in mein Leben. Bei der letzten Polio-Epedemie habe ich wohl ganz laut Hier geschrien, denn ich erkrankte an Kinderlähmung. Der Sommer schickte gerade seine ersten Strahlen in die Welt und ich wurde auf eine Isolierstation verfrachtet und von der restlichen Welt abgeschottet. Bis ich wieder nach Hause durfte, war Herbst – der Herbst des darauffolgenden Jahres! Fast eineinhalb Jahre, in denen ich wieder atmen, schlucken und laufen lernen musste. Dann neue Klasse, neue Freunde, neues Dasein. Langsam fasste ich wieder Tritt und das Leben ging seinen Lauf. Schule, nochmals Schule, dann zweimal Studium, beide erfolgreich abgerochen.

Schon damals hatte ich geschrieben. Nichts, wofür ich mich heute schämen müsste, aber auch nichts, was unbedingt ans Tageslicht gezerrt gehört. Also bleiben die von Maschine getippten oder von Hand bekritzelten Seiten da, wo sie schon immer waren: in einem verblichenen eselohrigen  Schnellhefter.

Ende der Siebziger kam die persönliche Wende. Aus dem orientierungslosen Hippie wurde nach und nach ein ernsthafter Instrumentenbauer. Meine Instrumente waren gefragt und die Drehleiern wurden weltweit gespielt. Aus einer Baudokumentation wurde ein Buch, bevor es vergriffen war, startete es in die zweite Auflage: Bau einer Drehleier.

Alles hätte so schön sein können. Erfolg, eine gesicherte Existenz und irgendwann ein geruhsamer Ruhestand.

Dann kam die Krankheit zurück. Die Spätfolgen der Kinderlähmung erschwerten die körperliche Arbeit zunehmend, bis die Einschränkungen so groß wurden, dass ich mich aus meinem Geschäftsalltag nach und nach zurückziehen musste.

In einem Ayurveda-Resort in Sri Lanka im Jahre 2007 begegnete ich Menschen, die meinten, ich müsse meine abendlich unter Palmen erzählten Geschichten, meine durchgestandenen Abenteuer, meine Liebschaften, unbedingt aufschreiben. Noch am selben Abend fing ich an. Ein Studium des Kreativen Schreibens als Stipendiat brachte mich in die Spur und zwei Jahre später hielt ich meinen ersten Roman in Händen: Papaya mit Rosinen. Ich erkannte meine neuen Möglichkeiten. Die Einschränkungen, die mir mein Körper auferlegt hatte, kann ich durch geistige Höhenflüge und grenzenlose Fantasien wettmachen.

Mein neuer Weg wurde der eines Autors.

 

 

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Datum: Donnerstag, 13. November 2008 0:04
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